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Seiteninhalt

Eberhard Schlotter sieht Wilhelm Raabe

12. Januar bis 6. Juli 2008

Ins Innerste.

Eberhard Schlotter hat seit 1945 als freischaffender Künstler in Darmstadt und Altea an der spanischen Küste gelebt. 1987 beschließt er nach Norddeutschland zurückzukehren und verlegt seinen deutschen Wohnsitz für einige Jahre nach Hannover, in die Nähe seines Geburtsortes Hildesheim. Dieser Ortswechsel findet seinen Niederschlag in Landschaftsaquarellen mit Motiven aus dem Harz und in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem eigenwilligen Werk des Braunschweiger Schriftstellers Wilhelm Raabe.

EBERHARD SCHLOTTER Die Innerste, Bl. 1, Radierung, 19891988 bereist Eberhard Schlotter den Harz und bannt dessen eigentümliche Atmosphäre in Landschaftsaquarelle mit weiten Horizonten und düsteren Nebelstimmungen. Er folgt insbesondere dem Lauf der Innerste, einem früher wild schäumenden Bergfluss, an dessen furchteinflößenden und sagenumwobenen Ufern er seine Hildesheimer Kindheit verbrachte: ...wir hörten sie schreien und ihre Strudel schluchzen. Der Maler Willig ließ sich mit ihr ein und die Mutter von Friedel, meinem Schulkameraden, an der Bischofsmühle starb der dicke Bruns und an der Kleinen Venedig die spielende Mathilde, und ich wollte mich auch mit ihr einlassen, als ich 17 war, nach so viel Tyrannei, so viel eigenem Unverstand.

Nach diesem ersten Eintauchen in die Landschaft seiner Kindheit dringt Eberhard Schlotter tiefer in deren Vergangenheit, in ihre Mythen- und Sagenwelt ein: In den Jahren 1989 und 1993 schafft er zwei Radierzyklen zu den historischen Erzählungen von Wilhelm Raabe „Die Innerste“ (1876) und „Das Odfeld“ (1888), die er zu seinen wichtigsten graphischen Arbeiten zählt. „Die Innerste“ handelt vom Sohn des am Unterlauf ansässigen Kornmüllers und dessen ehemaliger Geliebter Doris, der Tochter des Sägemüllers vom Oberlauf des Flusses. Für die geplagten Anwohner ist die Innerste mehr als ein Fluss, sie ist eine unberechenbare und regelmäßige Opfer fordernde Nymphe, die am Ende der Erzählung eins wird mit der verlassenen, auf Rache sinnenden Doris. Wie „Die Innerste“ handelt auch „Das Odfeld“ während des Siebenjährigen Krieges: Ein Kampf zwischen zwei Rabenschwärmen wird von den Bewohnern des Klosters Amelungsborn als Vorzeichen für eine Schlacht auf dem Odfeld am folgenden Tag verstanden. Vor französischen Marodeuren fliehen sie in eine unterirdische Höhle und finden Rettung durch den preußischen Heeresführer, Herzog Ferdinand von Braunschweig. Diesem schließt sich ein ehemaliger Klosterschüler an und stirbt am folgenden Tag während der Schlacht.

Im Zusammenhang mit der Radierfolge „Die Innerste“ schafft Eberhard Schlotter mehrere großformatige Gemälde in einer reliefartigen schwarz-weiß-grauen Mischtechnik als eindringliche Metaphern für tief liegende menschliche Ängste, Instinkte und Leidenschaften. Bereits zu Beginn der 1960er Jahre hat der Künstler nach seiner Rückkehr aus Spanien in Deutschland solche „Schwarzen Bilder“ gemalt. In dieser Zeit entwickelte er eine für seine Vergänglichkeitsthematik charakteristische Technik. Ein Gemisch aus Sand und Farbe wird pastos auf die Leinwand aufgetragen und anschließend dünn mit weißer oder schwarzer Farbe besprüht. Die „Schwarzen Bilder“ wirken daher wie von Asche überzogen. So tritt uns Wilhelm Raabe, obwohl nach einem zeitgenössischen Foto gearbeitet, in seinem Porträt wie ein von den Toten Wiederauferstandener entgegen. Einige in die Gemälde integrierte Wörter geben Hinweise auf die dargestellten Schauplätze: Orkus (Unterwelt) und Ebar und Norak, was rückwärts gelesen Karon und Rabe heißt. Charon ist der Fährmann, der die Toten über den Fluss Acheron in die Unterwelt bringt.