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19.08.2021

Museumssnack

Im Jahr 1875, nach 19 Fahrten über die Ozeane, ging das Segelschiff „Candace“ in altersbedingte Rente. Bis dahin hatte die „Candace“ unzählige Missionare, Siedler und Material vor allem nach Südafrika zu den Stationen der Hermannsburger Mission gebracht. Allein zu diesem Zweck ließ die Hermannsburger Mission das Schiff für 19.000 Taler, die aus Missionsgaben stammten, bauen. Sie ist ein Zeichen für die immensen Anstrengungen, welche die Missionare auf sich nahmen, aber auch für die große Motivation, mit der sie das Projekt betrieben. 

Die Hermannsburger Mission wurde 1849 vom ortsansässigen Pastor Ludwig Harms gegründet. Etwas scheint sie damit bereits aus der Zeit gefallen. Die Hochzeit der Mission viel mit der Expansion katholischer Kolonialreiche wie denen der Spanier und Portugiesen zusammen. Die katholische Mission hinterließ dabei besonders in Südamerika tiefe Spuren, indem sie indigene Glauben und Kulte nahezu komplett durch den christlich-katholischen Glauben ersetzte. Die folgenden, protestantischen Kolonialmächte der Niederländer oder auch Engländer hatten deutlich weniger Interesse an der Mission. Ihnen war wenig an der Entwicklung der kolonisierten Gebiete gelegen und mehr am Handel. 

Wie kam es also zum Revival der Mission Mitte des 19. Jahrhunderts? Das hängt mit dem Aufkommen der „Erweckungsbewegung“ in Europa zusammen. In einer zunehmend modernen, urbanisierten und säkularisierten Welt plädierten die Vertreter dieser Bewegung für die Bekehrung des einzelnen Gläubigen zum christlichen Glauben und für ein Leben nach den Grundsätzen der Bibel ein. Zu dieser Bewegung ist auch der hermannsburger Pastor Ludwig Harms zu zählen. Sein Ziel war zunächst die christliche Wiedererweckung der Heide-Bewohner und ganz Norddeutschlands und anschließend die Verbreitung des christlichen Glaubens in aller mit Hilfe seiner Gemeinde. Seine strengen Ansichten zu Anstand und Betragen kamen genauso wie seine rhetorisch gelungenen Predigten sehr gut an und motivierten auch Menschen jenseits der Heide, das von Harms gegründete Seminar zur Ausbildung von Missionaren zu besuchen.

Stapellauf der »Candace« (1853)

Stapellauf der „Candace“ (1853)

Bald war es soweit und die Candace brach mit Missionaren aus Hermannsburg zur ersten Mission auf. Ziel war das heutige Äthiopien. Doch geschah dies ohne vorherigen Austausch mit oder gar Einladung durch den dort herrschenden Sultan. Und dieser wollte auch gar keine Europäer in seinem Land. Daher verweigerte er der „Candace“ das Anlegen und die Missionare mussten nach Zululand ausweichen. Dort gründeten sie zunächst die Station Neu-Hermannsburg samt eigener Schule, bevor sie von den Kolonisten der Buren in Südafrika bei der kulturellen und christlichen Durchdringung des Landes um Hilfe gebeten wurden. Die Missionare folgten dem Ruf und ihnen folgten bald weitere Einwanderer aus der Lüneburger Heide. Gemeinsam schufen sie bis 1865 24 Stationen auf denen 31 Missionare tätig waren. 

Segelschiff »Candace«

Segelschiff „Candace“

Die Geschichte dieser ersten Reise zeigt jedoch auch, dass die Hermansburger Mission – wie die christliche Mission allgemein – in dieser Zeit nicht losgelöst vom Kolonialismus gesehen werden kann. Zwar sind beide nicht gleichzusetzen und es gab durchaus auch Kritik von Missionaren an einzelnen Umgangsweisen der Kolonialmächte mit den Einheimischen. Aber man distanzierte sich nicht in Gänze von den Kolonialreichen und nutzte in den meisten Fällen auch koloniale Strukturen für die eigene Arbeit.

Karten der Hermannsburger Mission in Natal/Südafrika (1910)

Vor allem aber rechtfertigte die Missionsarbeit koloniale Regime. Denn bei Mission handelte es sich nie um einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Missionaren und Einheimischen. Für die Missionare waren die Europäer diejenigen, mit der richtigen Religion, die diese zu den gottverlassenen Heiden außerhalb Europas brachten. Darin kommt nicht nur ganz allgemein eine Herabstufung zum Ausdruck. Mit diesem Gedanken ging einher, dass die ganze Kultur von Völkern, die nicht den richtigen Glauben hatten, Rückständig sei. Man war überzeugt, dass Missionierung ein Akt der Zivilisierung der einheimischen Bevölkerung darstellte. So verstetigte Missionsarbeit rassistische Stereotype. 

Missionar Behrens mit einer Schülergruppe (1888)

Missionar Behrens mit einer Schülergruppe (1888)

Zum Ausdruck kam dies auch in den von Missionaren betriebenen Schulen. Schulbildung zu ermöglichen erscheint und ist zunächst ein humanistischer Akt. Aber gelehrt wurde ausschließlich ein europäischer Kulturkanon. Die einheimische Kultur, Literatur oder Geschichte wurde nie thematisiert. Was macht das mit der einheimischen Kultur? In allen Kolonien lässt sich eine bleibende Veränderung hin zu einer Verwestlichung oder Europäisierung erkennen, die hauptverantwortlich von den Missionen getragen wurde. Die einheimische Kultur wurde in Versatzstücke fragmentiert und grundsätzlich in Frage gestellt. Dies geschah auch durch Einheimische selbst, die nun mehr Sinn darin erkannten, sich den Kolonisten anzupassen, als den eigenen Traditionen verhaftet zu bleiben. Das heißt, die Identität ganzer Völker veränderte sich nachhaltig. Und das ging nicht geräuschlos vonstatten. Oft entstanden blutige Auseinandersetzungen zwischen Kolonialisten und Einheimischen wie bei beim Maji-Maji-Aufstand oder auch innerhalb der einheimischen Gesellschaften wie bei den Leopardenmorden. 

Was bedeutet das für Mission und den Umgang zwischen Europa und anderen Kulturen heute? Die evangelische Landeskirche übernahm unlängst eine Mitverantwortung für den Genozid an den Herero und Nama durch das Deutsche Kaiserreich. Es ist ein Zeichen, dass sich Kirchen und Missionen ihrer eigenen Geschichte und ihrem Wirken bewusstwerden. Die Stationen der Hermannsburger Mission in Südafrika aber auch in Asien und Südamerika bestehen bis heute. Und sie betreiben dort wichtige und hoch anzurechnende Entwicklungshilfe. Zugleich nimmt aber auch die aggressive Missionierung durch evangelikale Bewegungen wieder zu, deren Tendenzen fatal an jene gedankliche Vermischung von Mission und Kolonialismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert erinnert.

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