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27.10.2020

Museumssnack

Was mag die alte Bäuerin denken? Mit klarem Blick und von Falten gezeichnetem Gesicht hielt Günther Weißflog die Frau im Portrait fest. Weißflog gehörte zu jener Gruppe Menschen, die angesichts immer schneller wachsender Städte das unverfälschte Leben auf dem Land romantisierten. Sein Gemälde entstand in den 1930er Jahren, aber auch heute zieht es wieder vermehrt Städter, die genug vom Leben in der Großstadt haben, aufs Land. Was mag die Bäuerin darüber denken? Denn ihr eigenes Leben war vermutlich viel anstrengender, als Weißflog es sich vorstellen konnte. 

Das Arbeitsleben der Frauen auf dem Land zwischen 1800 und 1900 begann bereits im Kindesalter. Als Töchter von Bauern wurden sie früh in die Arbeiten auf dem Hof eingebunden. Kamen sie aus ärmeren Verhältnissen, bei denen ihre Eltern keinen eigenen Hof besaßen, wurden sie als dienende Kinder zu fremden Bauern geschickt. Die Aufgaben von Bauern- und dienenden Kinder ähnelten sich stark. Zumeist hüteten sie das Vieh, wie die Schafe in der Heide. Allerdings ließen die Bauern die dienenden Kinder viel länger schuften, als den eigenen Nachwuchs. Und zur Schule schickten sie sie kaum.

Mit der Konfirmation traten die Mädchen in einen neuen Lebensabschnitt ein. Auf Gesindemärkten boten sie sich den Bauern, die dringend Arbeitskräfte für ihre Höfe suchten. Als Mägde fügten sie sich in die neue Hierarchie auf den fremden Höfen ein. Vor allem weil sie jung und meist minderjährig waren, wurden sie von den Bauern wie Kinder behandelt. So bekamen sie zwar ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Aber sie mussten auch den Weisungen von Bauer und Bäuerin folgen und wurden von diesen „erzogen“. So bestimmte etwa der Bauer, wann die Mägde Freizeit hatten, wohin sie dann gehen konnten, was sie dort machen durften und wann sie zurück zu sein hatten. Bei Fehlverhalten wurden sie bestraft und nicht selten geprügelt.

Doch für Freizeit blieb bei der vielen Arbeit auf dem Hof eh kaum Zeit. Bäuerinnen und Mägde waren keinesfalls Hilfskräfte an der Herdstelle, die sich nur um den Hausputz zu kümmern hatten. Sie verrichteten gemeinsam mit den Männern körperlich schwere Arbeit in einer kooperativen Arbeitsteilung. Zu ihren Aufgaben gehörten die Mitarbeit beim Torfstechen und Düngen, bei der Kartoffelsaat und Ernte. Sie kümmerten sich um den Gemüsegarten, die Futterernte und das Füttern des Viehs. Bäuerin und Mägde säten und ernteten Flachs, verarbeiten diesen zu Leinen und produzierten aus diesem Stoffe und Kleidung. Außerdem kochten und putzten. Die Frauen standen früher auf als die Männer, gingen früher an die Arbeit und beendeten ihren Arbeitstag als letzte. Dabei sollten sie immer heiter und fröhlich sein.

Heiterkeit und Fröhlichkeit sind der alten Frau auf dem Gemälde nicht anzusehen. Vielleicht liegt dies auch daran, dass die Mägde trotz ihres langen Arbeitstages stets viel weniger Lohn erhielten als die Knechte. Auch damals war man von „equal pay“ weit entfernt. Oder sie denkt an die anderen Gefahren, denen Frauen zu jener Zeit auf fremden Höfen ausgesetzt waren. So schliefen die Mägde zum Beispiel immer zusammen in einer Mägdekammer und zu zweit in einem Bett. Denn auf diese Weise boten sie sich gegenseitig etwas Schutz vor sexuellen Übergriffen durch Knechte oder die Bauern.

Woran mag die alte Bäuerin nur denken? Wohl kaum daran, wie romantisch das Leben auf dem Land doch ist.

Museumssnack Bäuerin

Museumssnack Bäuerin2

 

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