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Blumläger Feld

Galgenberg
Galgenberg

Das Blumläger Feld

Blumenläger Feld 2005

Mit seinem dritten Celler und zugleich letzten Siedlungsprojekt, dem Blumläger Feld, wurde mit den Raumgrößen die Zumutbarkeitsgrenze berührt, wenn nicht gar überschritten. Haesler baute hier Kinderzimmer mit 6 qm Grundfläche, schuf aber - entgegen aller Vorbehalte seiner Zeit zugleich ein Wohnquartier von hoher Urbanität, das noch bis in den Anfang der 80er Jahre nichts von seiner gemeinschaftsbildenden Kraft verloren hatte. Das Blumläger Feld ist zugleich die Wiege der städtischen WBG. Und die Geburtsstunde lässt sich durch einen kürzlich aufgetauchten Briefwechsel ziemlich genau auf den 13. Juni 1927 datieren, als Otto Haesler erstmals vertraulich dem Celler Oberbürgermeister Meyer seine Pläne für das Siedlungsprojekt vortrug, das schließlich auf dem Blumläger Feld verwirklicht wurde.

Haesler in einem Schreiben vom 13.6.1927 an den Lüneburger RP Dr. Krüger: "Als teilaufgabe des wohnproblems und insbesondere als vorarbeit für beabsichtigte größere anlagen habe ich seit einiger Zeit ein siedlungsprojekt in arbeit, welches die unterste grenze einer einwandfreien und doch zeitgemäßen billigsten kleinstwohnung festzulegen versucht". Und der Celler Oberbürgermeister Meyer in einem Schreiben vom 14.6.1928 an den Regierungspräsidenten: "Ich hatte gestern mit Herrn Haesler eine grundlegende Aussprache über die Frage, wie man Armen, die nicht mehr als 4-5 M Miete wöchentlich aufzubringen vermögen, hygienisch einwandfrei und doch gemütvoll zu eigener Behausung verhelfen kann. Herr Haesler deutete mir an, dass er in aller Heimlichkeit ein Projekt nahezu fertig ausgearbeitet habe, zu dem er sich sogar rechtzeitig das gesamte Baumaterial zu billigem Preis gesichert habe.... Die Lösung, die Haesler sucht, ist so verblüffend einfach, dass man sich vergeblich fragt, warum man nicht selber auf diesen Gedanken gekommen ist. Da ich von Herrn Haesler gebeten bin, mich zu Einzelheiten nicht zu äußern, darf ich nur mitteilen, dass er eine starke Verbilligung dadurch erzielt, dass er das Treppenhaus nach außen verlegt (vergl. Fuggersche Siedlung in Augsburg oder Viskulenhof in Lüneburg) und auf Korridore verzichtet.

Ein wesentlicher Teil ist, dass mit eingebautem Hausgerät stark gearbeitet wird. Diese sind so angeordnet, dass trotz fehlenden Korridors eine genügende Abtrennung von Wohn- und Schlafräumen und von der Küche entsteht. Die Häuser sollen nur 2 stöckig sein, keinen Keller haben, dafür aber in gehöriger Entfernung einen Stall mit Kartoffelkuhle. Ich habe das sehr bestimmte Empfingen, dass trotz aller Sparsamkeit und Nüchternheit in einzelnen der Gesamteindruck einer Siedlung nach den Haeslerschen Plänen überaus malerisch wirken muss, so dass auch diejenigen, welche dem neuen Baustil das Fehlen der Romantik zum Vorwurf machen, diesmal stillschweigen müssen."

Blumläger Feld Baustelle

Kein Projekt Haeslers ist auf so "wütende Proteste der offiziellen Wohnungswirtschaft" gestoßen wie das Blumläger Feld. Bis in die Reihen der Vertreter des Neuen Bauens wurde Kritik an den "Schlafkojen" laut. Unter den Kritikern auch Bruno Taut, dessen kollegiale Nähe zu Haesler vielfältig belegbar ist. Ohne Haesler ausdrücklich beim Namen zu nennen, veröffentlichte Taut in einer Fachpublikation einen Wohnungsgrundriss aus dem Blumläger Feld mit dem sarkastischen Hinweis, dass man Schlafzimmer von 6 qm höchstens in Villen und auf Dampfern akzeptieren könne, da dort ein ausreichendes Angebot an anderen Räumen zur Verfügung stehe. Und die Spottdrosseln, allesamt in größeren Wohnungen lebend, amüsierten sich königlich über den Standardwitz, dort sei, um Raum zu sparen, beim Nachttopf der Henkel nach innen gelegt.

Städtebaulich prägen Flachdach und Zeilenbau das Blumläger Feld. Es entspricht damit leitbildgerecht dem Stil des Neuen Bauens der 20er Jahre. Es war eine Baustelle, bei der Haesler wohl am konsequentesten die durch Typisierung der Grundrisse und Bauteile möglichen Rationalisierungschancen ausgeschöpft hat. Die sich daraus ergebende hohe Wirtschaftlichkeit des "Bauens am Fließband" musste mit Abstrichen bei der Raumbildung erkauft werden. Die niedrige Bauhöhe mit knapp 6 m Höhe und einer Zeilenlänge von über 220 m in durchlaufender geschlossener Flucht vermitteln das Gefühl der beliebigen Verlängerbarkeit und sind die Kehrseite dieser wirtschaftlichen Produktionslinie. Allerdings ist mit den zwischen den Bauzeilen angeordneten Mietergärten und deren Baumbestand etwas "herangewachsen", was den Eindruck mangelnder Raumbildung etwas abmildert. Auch der am Ende der Bauzeilen quer gestellte Lungenblock lässt in diesem Teilbereich so etwas wie ein Raumgefühl entstehen. Nach nunmehr 70 Jahren machte die weitgehend abgängige Bausubstanz eine Sanierung und Anpassung an zeitgemäße Raumgrößen dringend erforderlich. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die mangelhafte Durchlässigkeit der langen Zeilenfluchten korrigiert. Das ist ein auch optisch sichtbares Beispiel für die einfühlsame Planung des Architekten Ivan Kozjak, Hannover, bei der anstehenden Sanierung einer streitbelasteten Siedlung aus dem Jahr 1931, die mündlichen Berichten zufolge für eine Zeit von 30 bis 50 Jahren gebaut worden ist.

Kleinstwohnungen gegen Wohnungsnot

Natürlich wusste Haesler, dass er mit der "Kleinst"-Wohnungssiedlung in die Grenzregionen der Zumutbarkeit vorstieß. Man muss aber wissen, dass in den 20er Jahren ein eigenes Bett für jedes Familienmitglied keineswegs selbstverständlich war. Nach der Reichswohnungszählung von 1927 hatte jede 6. Mietwohnung Untermieter, sog. Schlafgänger oder Zimmerherren. Diese Wohnungen waren nach dem damaligen Sprachgebrauch "überfüllt". Im Reichsgebiet waren 1927 über eine Million Haushalte ohne eigene Wohnung, d.h. ein eigenes Bett war in den ärmeren Schichten keineswegs die Regel. Die Kleinstwohnungsprogramme waren die Antwort auf eine heute kaum vorstellbare Wohnungsnot. Und für dieses Problem wollte Haesler eine Lösung finden. Die Wohnflächen- und damit korrespondierend die Mietpreisentwicklung in den drei Celler Siedlungen machen deutlich, mit welcher Konsequenz Haesler sein Ziel verfolgte, für die wirtschaftlich schwächsten Schichten Wohnungen mit tragbaren Mieten zu bauen. Von 84 qm (80 RM) im Italienischen Garten, über 57 qm (40 RM) im Georgsgarten auf 43 qm (26 RM) im Blumläger Feld sank die Wohnfläche und der Mietpreis für einen 4-Personenhaushalt, aber zugleich stiegen auch die Chancen für die minderbemittelten Kreise auf eine eigene Wohnung. Haesler in seinem Buch "Mein Lebenswerk als Architekt" über sich selbst: "Der soziale Wohnungsbau wurde zu einer Art Zwangsvorstellung für mich."