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Die Rückkehr der „Celler Welfenpokale“

Dank der finanziellen Unterstützung der Kulturstiftung der Länder sowie zahlreicher weiterer Partner konnte vor kurzem ein ganz besonderer Schatz für das Celler Schloss zurückerworben werden. Drei kostbare silbervergoldete Pokale wurden auf einer Auktion in Paris, wo die Sammlung des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent und seines Freundes Pierre Bergé versteigert wurde, erworben. Sie stammen aus der Silberkammer des letzten Celler Herzogs Herzog Georg Wilhelm (1624-1705).

Pokale wie diese dienten in erster Linie der Repräsentation, sie sollten die Stellung des Fürsten und seine Herrschaft glanzvoll verdeutlichen und wurden deshalb auf einem gestaffelten Buffet in den fürstlichen Repräsentationsgemächern zur Schau gestellt. Bei einem Großteil der Silberpokale handelt es sich um Huldigungsgeschenke, die die Namen von Städten und landesherrschaftlichen Ämtern tragen. Oft wurden solch kostbare Huldigungspräsente anlässlich des Regierungsantritts eines Fürsten überreicht. Bereits diese drei Pokale lassen erahnen, von welch beeindruckender Wirkung einst die Präsentation eines ganzen Silbersbuffets war. Der 113 cm hohe „Riesenpokal“ der Stadt Lüneburg, der seltene Tischbrunnen, und der vierfache Traubenpokal, ein Geschenk des Amtes Osterode an den Celler Herzog Christian Ludwig, bildeten darin die Höhepunkte. Die aufwendig inszenierte Demonstration von Legitimität, Macht und Glanz des Herrschaftsverhältnisses zwischen Fürst und Untertanen kommt in ihnen glänzend zum Ausdruck.

Die „Celler Silberpokale“ sind europaweit einzigartig. Nur wenige Vergleichsstücke haben sich noch erhalten, so z.B. in der Rüstkammer des Moskauer Kremls oder in Kopenhagener Schloss Rosenborg. Für Celle sind sie sensationell, weil mit ihnen erstmals nach 300 Jahren herzogliches Inventar an seinen Bestimmungsort zurückkehrt. Sie ermöglichen, die Bedeutung der Residenz Celle und ihre Ausrichtung an den höchsten Ansprüchen europäischer Hofkultur jener Zeit anschaulich zu machen.

Der Silberbestand des Neuen Hauses Lüneburg-Celle

Die Wiederentdeckung des gesamten Konvoluts erhaltener Huldigungspräsente ist aus verschiedenen Gründen sensationell. Gründend auf dem erhaltenen Silberinventar von 1706, das sich im Besitz des Celler Museums befindet, kann hier erstmals der Zusammenhang zwischen Souverän und Herrschaftsgebiet beispielhaft für die frühbarocke Fürstenkultur anschaulich gemacht werden. Durch die genauen Beschreibungen im Inventar, das Monogramm „GW“ (für Georg Wilhelm) auf vielen der Pokale sowie die auf den Stücken vorhandenen Bezeichnungen der huldigenden Städte und Ämter lassen sich alle Stücke zweifelsfrei dem Celler Hof und dem zugehörigen Territorium zuordnen. Die Name derer, die dem Celler Herzog huldigten, bilden die Geschichte des Herrschaftsgebietes des einstigen Fürstentums Lüneburg hervorragend ab, denn die Huldigungspräsente sind teilweise bereits den Vorgängern Georg Wilhelms übergeben worden.

Mit diesen drei Exponaten kehrt erstmals nach 300 Jahren herzogliches Inventar an seinen Bestimmungsort zurück. Sie ermöglichen, die Bedeutung der Residenz Celle und ihre Ausrichtung an den höchsten Ansprüchen europäischer Hofkultur jener Zeit anschaulich zu machen.

Das Haus Braunschweig-Lüneburg und die Bedeutung der Residenz Celle

Das Fürstentum Lüneburg war das größte und bedeutendste der drei welfischen Teilfürstentümer (Fürstentum Lüneburg mit Residenz Celle / Fürstentum Calenberg mit Residenz Hannover / Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel mit Residenz Wolfenbüttel). Es erstreckte sich von der Nordsee bis in den Harz. Herzog Georg Wilhelm übernahm hier 1665 die Regentschaft. Er war zugleich Obrist des Niedersächsischen Kreises, Oberbefehlshaber der Truppen des Gesamtherzogtums, deren Stärke mit 25-30 000 Mann im damaligen Europa eine bedeutsame Rolle in Bündnisfragen spielte. Das Haus Braunschweig-Lüneburg war ein gewichtiges Element im Reigen der europäischen Mächte des 17. Jahrhunderts.
An den drei Höfen Braunschweig-Lüneburgs, darunter Celle, waren Gesandte der wichtigsten europäischen Mächte akkreditiert, ebenso waren Vertreter des Hauses Braunschweig-Lüneburg an den auswärtigen Höfen, um dort die Interessen des Gesamthauses zu vertreten.
Das Fürstentum Lüneburg (Residenz Celle) nahm unter Herzog Georg Wilhelm wesentlichen Aufschwung. Mit dem Ausbau des - bis dahin aus dem Ostflügel und einigen weiteren einzelnen Baukörpern im Süd- und Westbereich bestehenden – Schlosses ab 1670 zu einer geschlossenen Vierflügelanlage nach italienischem Vorbild, dem Einbau eines Theaters und einer Reihe von Paradegemächern folgte Georg Wilhelm sehr früh den architektonischen Erfordernissen eines gewandelten Zeremoniells. Damit befand sich der Celler Hof während seiner kurzen Blütezeit bis 1705 „auf der Höhe der Zeit“. Unter dem Einfluss seiner hugenottischen Gemahlin erließ Georg Wilhelm bereits 1684 (noch vor dem Großen Kurfürsten) ein Edikt zur Ansiedlung von Hugenotten, vergrößerte den Hofstaat erheblich, der vollends nach französischem Vorbild umgestaltet wurde. Für die hugenottischen Hofbediensteten ließ er die Stadt um ein eigenes Viertel erweitern, das in wesentlichen Zügen noch heute erhalten ist.
Mit der Verlegung der Residenz nach Hannover und dem Aufgehen des Fürstentums Lüneburg im Kurfürstentum Hannover 1705 endet diese höfische Blüte. Die Stadt Celle trägt jedoch bis heute wesentliche Spuren der Residenzzeit.

Das Celler Schloss als Welfenresidenz

Unter den erhaltenen Welfenschlössern des Barock ist dasjenige in Celle das bedeutendste. Der Bauherr, Herzog Georg Wilhelm, griff mit dem viertürmigen Karree auf einen Architekturtypus zurück, der erst kurz zuvor durch den Wettbewerb für den Pariser Louvre Bestätigung gefunden hatte. Die Wahl italienischer Architekten und Stuckateure einerseits und der Einbau eines Hoftheaters sowie einer Raumfolge von Paradegemächern andererseits zeigen die Ausrichtung Georg Wilhelms an den Standards der europäischen fürstlichen Kultur seiner Zeit. Zugleich ist dies Ausdruck des hohen Ranges, den das Haus Braunschweig-Lüneburg im Reigen der europäischen Mächte des 17. Jahrhunderts einnahm.

Das Land Niedersachsen hat seit 1973 mit großem Aufwand umfangreiche Sicherungs- und Sanierungsarbeiten durchgeführt. Ein wesentliches Ziel war dabei, die Paradegemächer Herzog Georg Wilhelms und seiner Gemahlin, der Hugenottin Eléonore d’Olbreuse, wiederherzustellen und diese beiden kunst- und kulturgeschichtlich wichtigen Raumfolgen dem Zustand der Erbauungszeit wieder anzunähern. Celle kommt dabei die Position eines der frühesten Barockschlösser auf deutschem Boden zu. Beispielhaft zeigt sich hier die frühe Rezeption der italienisch-französischen Kulturströmung.

Eine Rückführung dieser zum Kern des Celler Silberinventars gehörenden Stücke an ihren historischen Ursprungsort fügt sich in das über Jahre vom Land Niedersachsen und der Stadt Celle verfolgte Konzept, das Celler Schloss über Niedersachsen hinaus als bedeutende Welfenresidenz und in seinem hohen Rang für die europäische Schlösserkultur herauszustellen.

Zur Ausstellung der Exponate im Celler Schloss

Mit der jetzigen – vorläufigen - Präsentation werden die Objekte der Öffentlichkeit sofort zugänglich gemacht. In längerfristiger Vorbereitung ist jedoch eine Ausstellung der Pokale in Form eines traditionell gestuften Schaubuffets, um ihre Einbindung in das höfische Huldigungs- und Tafelzeremoniell zu zeigen. Die frühbarocken Paradezimmer aus der Bauzeit Herzog Georg Wilhelms, deren originale Stuckdecken zu den herausragenden Stuckaturen des 17. Jahrhunderts in Norddeutschland gehören, bieten hierfür den geeigneten Rahmen.

Ihre Aufstellung im Audienzgemach fügt sich dabei exakt in das Konzept des Residenzmuseums, nämlich zum einen die Geschichte der Celler Welfenresidenz (im Kontext hannoverscher Landesgeschichte) zu vermitteln und zum anderen Ergebnisse der Residenzforschung darzustellen. So ist langfristig vorgesehen, am Beispiel dieser repräsentativen Prunkobjekte Themen wie das barocke Tafelzeremoniell, herrschaftliche Selbstinszenierung, Formen der Tafelrepräsentation, Hierarchien und die Zeichenhaftigkeit des Huldigungszeremoniells darzustellen.